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Kein Schlusslicht mehr

Kein Schlusslicht mehr

Nach über einem Jahrzehnt
gilt an der Berliner Schaubühne wieder ein Tarifvertrag

Es gibt einen neuen ver.di-Entgelttarifvertrag für die etwa 120 nichtkünstlerisch Beschäftigten der Berliner Schaubühne. Etwa 50 Angestellte kommen erstmals seit Theatergründung vor 55 Jahren überhaupt in den Genuss von Tarifgehältern. Für knapp 80 ehemals Gewerbliche endete eine elfjährige tariflose Zeit. Gerechtigkeit und Zuordnung zu Lohngruppen sind nun gesichert.

»Es gab bisher eine heillose Fragmentierung und eine Vielzahl individueller Arbeitsverträge. Hart gesprochen: Es war alles vorhanden, was die Spaltung der Belegschaft befördern konnte. Damit ist jetzt Schluss«, sagt Tobias Klette, Betriebsratsvorsitzender und Tarifkommissionsmitglied.

Das wird am Lehniner Platz als Erfolg anerkannt. Steigende Gehälter natürlich auch. Erst in den Verhandlungen habe sich beziffern lassen, wie weit Entlohnungen hinter denen vergleichbarer Berliner Häuser herhinkten – bis zu 30 Prozent. Einige Beschäftigte der technischen Gewerke erhalten an der Schaubühne jetzt fast 600 Euro mehr. Solch »enorme Sprünge« sind nicht die Regel, doch fast alle profitieren vom Tarifvertrag.

Die neue Entgelttabelle wurde an den öffentlichen Dienst angelehnt. Bis Ende Juli zahlt man nun 87 Prozent des Tarifvertrages der Länder, ab August 90. Vereinbart wurde eine maximale Wochenarbeitszeit von 39 Stunden. Auch da gab es Wildwuchs. Bis zu 46 Stunden waren in Einzelfällen zu leisten, von neu Eingestellten 41. »Das brachte Unmut und war für die Arbeitszeitplanung Gift. Nun ist eine klare Grenze gezogen «, berichtet Klette.

All das war überfällig. Eine Tarifkommission wurde bereits im April 2016 gegründet. Den Schub gab das Versprechen vom Kultursenat, Angleichungen an die Entgelte des öffentlichen Dienstes mit zusätzlichen Haushaltsmitteln auszugleichen. »Doch genaugenommen hat unser Arbeitgeber nur das Geld des Landes Berlin verteilt«, sagen die ver.di-Verhandler. Dass die Geschäftsführung angesichts wirtschaftlich blendender Situation nicht Mittel aus dem eigenen Topf dazugegeben hat, sei »nicht nachvollziehbar und wird als mangelnde Wertschätzung empfunden«.

So gehörten Beschäftigte aus Verwaltung und Ton/Video höher eingestuft, die trotz Tarif nicht mehr auf dem Konto haben. Überhaupt sehen die Aktiven den Abschluss nur als ersten Schritt. Ein Mantel-Tarifvertrag müsse folgen, im zweiten Quartal 2018 sollen dazu Verhandlungen beginnen. »Da kommt noch einiges auf uns zu«, meint Klette. Und es sei gut, wenn noch mehr Beschäftigte ver.di den Rücken stärken und Mitglied werden. Jedenfalls sei die Motivation, etwas für sich selbst zu fordern, in der Belegschaft gewachsen.

Ein generelles Problem sehen die sieben TK-Mitglieder: Von Nachteil sei, dass sie für Tarifverhandlungen mühsam eigene Berechnungen zur wirtschaftlichen Situation anstellen müssen. An Theatern als Tendenzbetriebe gibt es keine Wirtschaftsausschüsse, die Zahlen einfordern könnten: »Doch da es überwiegend um öffentliche Gelder geht, ist das nicht gerechtfertigt. Auch hier wäre Transparenz zeitgemäß.«

NEH

aus: SPRACHROHR 1/2018

zum SPRACHROHR 1/2018