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Fördersegen für die freie Theaterszene

Fördersegen für die freie Theaterszene

»Neustart Kultur« macht‘s möglich: Das Corona-Rettungspaket von Kulturstaatsministerin Monika Grütters soll auch gebeutelten freien darstellenden Künstlerinnen und Künstlern Überleben und Weiterentwicklung ermöglichen. Ein 65-Millionen-Programm zur Förderung freischaffender Künstlerinnen und Künstler und freier Gruppen in der bundesdeutschen Tanz- und Theaterlandschaft steht nun bereit. Der Fonds Darstellende Künste wird das Geld verteilen, Geschäftsführer Holger Bergmann erklärt, wie.

Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di FDS #TakeThat

»#TakeThat« hat der Fonds Darstellende Künste das umfassende Förderpaket zur Erhaltung und Stärkung der freien Szene genannt. Seit dem 1. Oktober 2020 stehen die Angebote online, Anträge können gestellt werden. Die Förderung richtet sich an frei produzierende Künstlerinnen und Künstler und künstlerische Gruppen aus allen Sparten der Darstellenden Kunst, auch an Akteurinnen und Akteure aus Tanz, zeitgenössischem Zirkus, Off-Tourneetheatern oder Freilichtbühnen.
Gefördert werden direkte künstlerische Arbeiten und Produktionen, aber auch Rechercheprojekte, Strukturvorhaben, Projekte zur Publikumsforschung und -entwicklung. Die einzelnen Programme zielen auf Bedürfnisse sehr unterschiedlicher Künstlerinnen oder Künstler, sollen Vielfalt stärken und Existenzsicherung unter Pandemiebedingungen ermöglichen.

Insgesamt umfasst das Förderpaket »#TakeThat« elf Programme. Ergänzt werden sie durch bereits existierende Förderungen des Fonds zu Künstlicher Intelligenz (»Autonom«) und für Produktionen im ländlichen Raum (»Global Village Projects«).

Die neu aufgelegten Programme von »#TakeThat« im Einzelnen:

  • #TakeAction
    bietet Förderungen von Produktionszeiträumen für Künstlerinnen oder Künstler in sechs genrespezifischen Kategorien: Performance, Tanz und Musiktheater; Theater im öffentlichen Raum und Zirkus; Off- und Tourneetheater; Figuren- und Objekttheater; Theater für junges Publikum; Semiprofessionelles Theater und Freilichtbühnen.

  • #TakePlace
    dient der Förderung von Strukturprojekten für Produktionsorte und Festivals mit dem Ziel einer Optimierung des regulären Betriebs.

  • #TakeNote
    fördert den Wissenstransfer und Kooperationsvorhaben.

  • #TakePart
    stellt Mittel für Modellvorhaben zur Neuausrichtung auf Publikum, Audience-Development und Öffentlichkeitsarbeit bereit.

  • #TakeCare
    bietet Mittel für Recherchen, Labore und Konzeptionsfindung in Form produktionsunabhängiger Stipendien.

  • #TakeCareResidenzen
    schließlich soll analoge und digitale Verbindungen zwischen Künstler*innen und Produktionshäusern, Recherchen und Labore befördern.

Die genauen Förderbedingungen, Antragsvoraussetzungen, Fördersummen, Zeiträume und Antragsfristen sind auf den Internetseiten des Fonds Darstellende Künste beschrieben. Einen Überblick liefern auch diese Grafiken [pdf-Datei, 160 KB].

Zu Zielstellungen, Aufgaben und der praktischen Umsetzung des umfangreichen Sonderförderprogramms erkundigten wir uns außerdem vor Ort in Berlin:

Den Tisch größer bauen und mehr Leute einladen

Fragen an Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste e.V.
Das Gespräch führte Helma Nehrlich von »kust+kultur online«.

Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di FDS | Jörg Farys Holger Bergmann  – Der Theaterwissenschaftler ist seit 2016 Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste.

kuk: Herr Bergmann, wie fühlt man sich, wenn man plötzlich richtig reich ist?
Holger Bergmann: Wir fühlen uns auf jeden Fall sehr reich an Arbeit. Die Zuwendungen sind ja Hilfen, die momentan bitter nötig gebraucht werden. Ob der Verantwortung, solchem »Reichtum« an die richtigen Stellen zu bringen, schläft man durchaus etwas unruhiger.

kuk: Sie haben akut mit Summen zu tun, die für den Fonds alles andere als gewöhnlich sind…
H.B.: Stimmt. Regelmäßig haben wir sonst einen Ansatz von zwei Millionen, mit Sonderprojekten um die vier Millionen Euro im Jahr. In der aktuellen Situation erhielten wir zunächst – wie die anderen fünf bundesweiten Kulturförder-Fonds auch – zehn Millionen Euro zusätzlich. Und nun sind noch 65 Millionen für das Sonderprogramm der freien Darstellende Künste obendrauf gekommen. Das sind tatsächlich immense Mittel, die wir bis Ende 2021 zu vergeben haben.

kuk: Der Fonds Darstellende Künste hat 16 Mitgliedsvereine und Organisationen, darunter ver.di, und besteht seit 1985. Was prädestiniert ihn für die jetzige Aufgabe?
H.B.: Als eine von wenigen Institutionen repräsentieren wir eine große Breite der Darstellenden Künste, die vom Figuren- und Objekttheater, über Musik- bis zum Straßentheater oder den Tanz reicht. Auch alle Formen von Schauspiel und Performance bis zum Off-Theater sind bei uns vertreten. In mehr als drei Jahrzehnten hat sich das Spektrum kontinuierlich erweitert.
Unser Fonds war als Partner der freien Darstellenden Künste immer wieder auch impulsgebend für die Förderpraxis von Ländern und Kommunen. Trotz der bislang eher bescheidenen Fördersummen haben wir recht schnell solche Grundsätze wie die Honoraruntergrenze in diesem großen prekären Arbeitsbereich eingeführt.
Wir haben vor etwa drei Jahren neue Förderformen – wir nennen sie Initialförderung – entwickelt, die zunächst projektunabhängig sind und das Konzeptionelle, die Recherche in den freien Darstellenden Künsten genauso wichtig nehmen wie die eigentliche Produktion.
Und nicht zuletzt verfügen wir natürlich über eine lange Expertise als Förderfonds, über entsprechendes Know-how auch im Umgang mit Institutionen wie dem Bundesrechnungshof oder dem Bundesverwaltungsamt. Schließlich geht es um die Bewilligung von Bundesmitteln.

kuk: Welche generelle Zielstellung wird mit dieser Förderung verbunden?
H.B.: Es geht ganz klar um die Sicherung und den Erhalt der Vielgestaltigkeit der freien Darstellenden Künste in der Bundesrepublik. Das ist die Kernzielstellung. Und die unterscheidet sich deutlich von unseren traditionellen Förderaufgaben: Üblicherweise geht es für uns um das Bemerkenswerte, das bundesweit Herausragende, Impulsgebende in der freien darstellenden Szene, das hervorgehoben und besonders gefördert werden soll.

kuk: Der aktuellen Millionensegen soll dagegen unbedingt in die Breite gelangen. Wie sind Sie an den Aufbau der konkreten Förderstruktur herangegangen?
H.B.: Zunächst: Der Bund ist an sich ja kein Kulturförderer. Gemäß Föderalismusprinzip obliegt derartige Förderung den Ländern und Kommunen. In der jetzigen Krisensituation hat sich ja aber gezeigt, dass die gesamte freie Theaterlandschaft bundesweit bedroht ist. Wenn sich nun also der Bund doch einschaltet und dafür viel Geld gibt, könnte das animieren, sich mehr und Teureres zu leisten. Oder – wie heißt der Spruch: Man baut den Tisch größer und versucht, mehr Leute einzuladen. Letzteres haben wir getan. Wir denken diese Förderung dezentral und haben in Planung und Ausgestaltung ganz viele Partner einzelner Genres der darstellenden Künste und Publikumsorganisationen einbezogen. Mit allen wurde gesprochen, um Entscheidungsgrundlagen festzulegen. Wir haben darüber hinaus mit 40 verschiedenen Produktionsorten in ein spezielles Programm »#TakeCareResidenzen« entwickelt.

kuk: Herausgekommen ist eine verzweigte Förderlandschaft, die sich nach Veranstaltungsgenres, aber auch nach Phasen des Produktionsprozesses und Fördersubjekten aufgliedert …
H.B.: Sie ist deshalb so aufgegliedert, weil wir versuchen, den verschiedenen Interessen sehr nahe zu kommen. Die separaten Projekte gibt es auch, um eine bessere Vergleichseben zu bieten. Nehmen wir das Beispiel Figuren- und Objekt-Theater. Das machte bisher bestenfalls fünf bis zehn Prozent unserer Förderaktivitäten aus. Jetzt gilt es, so viel wie möglich Förderanträge auch in diesem Genrebereich zu bewilligen. Die sind nicht an Projekten aus dem Musiktheater oder dem Bereich Performance messbar.

kuk: Das Geld liegt nun zwar bereit, mit sinnvollen Projekten und Ideen überzeugen muss man für die Vergabe aber schon?
H.B.: Unbedingt. Dafür ist die Zeit ja in der momentanen Situation auch da. »#TakeCare Residenzen« soll beispielsweise nicht nur dafür genutzt werden, wirkliche Produktionen hervorzubringen, sondern bietet Möglichkeiten auch zu laborhaftem Experimentieren, zu Konzeptentwicklung und Stabilisierung.
Das Programm »#TakeNote« soll den Austausch untereinander über den Neustart in den verschiedenen Bundesländern ermöglichen. Da geht es um Erfahrungen mit Hygienekonzepten und Aufführungspraktiken.
»#TakePlace« soll befördern, dass Häuser Strukturprojekte entwickeln, die sogar über den Förderzeitraum bis Ende 2021 hinaus Effekte haben können: Umweltzertifizierung für Häuser, den Wechsel auf energiesparende LED-Beleuchtung, neue Datenbanken, ein modernes Ticketingsystem – das alles wären perspektivisch auch wirtschaftlich interessante Überlegungen.
Machen wir uns nichts vor: Ob der Kulturbereich dauerhaft so gut bedacht wird wie jetzt gerade, das wissen wir alle nicht. Deshalb laden wir etwa auch dazu ein, ein interessantes Förderprogramm »#TakePart« zu nutzen, das der Reorganisation von Publikum dient. Da sollten unbedingt Erfahrungen der Corona-Situation – Spielen im digitalen Raum, auf dem Parkdeck oder sonst im öffentlichen Raum – ausgewertet werden. Haben wir neues Publikum gewonnen, wie sieht es aus, wie kann man es halten? Das wären Fragestellungen, die mit unserer Modellförderung bearbeitet werden können.

kuk: Das alles eilt ja auch sehr?
H.B.: Wir haben uns sehr beeilt. Unser Antrag für das Sonderprogramm war im Juli fertig, die Zuwendungen sind Ende September gekommen und schon zwei Tage später, am 1. Oktober 2020, standen die Förderanträge online. Ohne eine gewaltige Vorleistung unseres Teams hätte das nicht geklappt.
Damit verbunden darf man aber auch an die Politik appellieren, dass der jetzt bis Ende 2021 gesetzte Zeitrahmen doch etwas zu knapp gefasst sein dürfte. Der dauerhafte Erhalt der freien Darstellenden Künste ist nicht mit so relativ kurzfristigen und zügig ausgereichten Mitteln zu sichern, da braucht es einen längeren Atem, der die Entwicklung von Perspektiven einschließt. Bundesregierung und Staatsministerin sollten also unbedingt über eine Verlängerung der Förderung nachdenken.

kuk: Mit Eile ist aber auch die eigentliche Antragstellung gemeint. Die Antragsfristen zu den meisten Programmen enden bereits am 1. November 2020 …
H.B.: Stimmt. Aber wir haben uns bemüht, die Antragstellung so einfach und praktikabel wie möglich zu machen. Im Grunde müssen nur zwei Seiten ausgefüllt, keine umfassenden Exposés abgeliefert, sondern nur Kerngedanken skizziert werden. Das lässt sich zügig erledigen. Der enge Zeitrahmen soll vor allem auch sichern, dass die, die jetzt Hilfen am nötigsten brauchen, sie wirklich schnell bekommen können.

kuk: Mit welchen Bearbeitungszeiten ist zu rechnen?
H.B.: Wir versuchen, in unserem üblichen Zeitrahmen zu bleiben, das sind sechs bis sieben Wochen bis zur Entscheidung. Solche Zeiten bei der zu erwartenden riesigen Antragsflut einzuhalten, wird natürlich schwierig, es ist auch ein Fahren auf Sicht. Wir stellen zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, doch die müssen parallel erst eingearbeitet werden …

kuk: Was könnte Ihnen die Arbeit erleichtern?
H.B.: Wir bitten sehr darum, von nicht antragsorientierten Nachfragen am Telefon abzusehen, die halten uns wirklich auf und von der eigentlichen Arbeit ab.
Antragsteller sollten bitte auf die Internetseite gehen, dort ist alles sehr klar erläutert – von der Orientierung darüber, was möglich ist, bis zu den konkreten Handlungsschritten. Man kann Antragsformulare probeweise ausfüllen und wenn dann konkrete Detailfragen für den individuellen Fall auftauchen, sollte man sie uns per Mail stellen, die beantworten wir natürlich gern. Wir beraten auch in bestimmten Zeitfenstern telefonisch und machen zusätzlich Internet-Zoom-Beratungen für mehrere Interessenten zu bestimmten Themen. Also: Bitte unbedingt auf die Webseite schauen!

kuk: Dann viel Kraft und Erfolg für die bevorstehende Mammutaufgabe!
H.B.: Wir sehen sie in erster Linie als Chance, diesen wichtigen Teil der Theaterlandschaft in den Blick zu nehmen, an Koordinierung und abgestimmter Förderung mitzuwirken.

Ein Beitrag aus:

Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
© k+k

#TakeThat-Förderprogramme

Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di
© FDK
Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di
© FDS
Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di
© FDS
Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di
© FDS

Eine Übersicht der Förderprogramme von »TakeThat« kann als pdf-Datei hier geladen werden: