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Politik, Kunst- & Förderpraxis im Dialog

Politik, Kunst- & Förderpraxis im Dialog

Wie weiter nach Corona?

Fachgruppe Theater+Bühnen der ver.di BFDK Bundesforum 2021  – Freie Darstellende Künste


Unter dem Motto »Politik, Kunst- & Förderpraxis im Dialog« tagt das dritte Bundesforum Freie Darstellende Künste vom 14. bis 16. September 2021 in hybrider Form: Debatten und Vorträge können life im Berliner Radialsystem, aber auch online mitverfolgt werden. Neben einer Corona-Rückschau mit Bestandsaufnahme geht es vor allem um die Frage, wie sich Kunst und Kultur nach der Pandemie weiter entwickeln können, welche Rahmenbedingungen Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit brauchen, wie sie gefördert und sozial abgesichert werden. Zum Konferenzauftakt wurde dazu auch die Politik befragt.

15. September 2021, von Helma Nehrlich


Schon vor der eigentlichen Eröffnung stellte das Bundesforum Stimmen aus der Wissenschaft, Positionen aus der Kunst zur Veränderung der Kunst- und Kulturlandschaft sowie Eindrücke zum »Paradox der Veränderung« aus dem »Proberaum« zur Debatte. Der Grundtenor war eindeutig: Corona habe eine Situation heraufbeschworen, die Künstlerinnen, Künstler und Politik unvorbereitet und mit Wucht getroffen habe.

Neben neuen künstlerischen Ausdrucks- und Erscheinungsformen, speziell im Digitalen, habe die Pandemie wie in einem Brennglas auch die Probleme bisheriger Existenzmodelle und Förderinstrumentarien gezeigt. Während zuvor etwa 91 Prozent der Künstlerinnen oder Künstler sich aus Eigeneinnahmen finanzieren konnte, seien das in der Pandemie nur noch 42 Prozent gewesen. Fast die Hälfte aller Kreativen habe Ersparnisse und Rücklagen für die Altersvorsorge angegriffen, berichtete etwa Dr. Aron Weigl (EDUCULT Wien) über Befragungsergebnisse aus allen Bundesländern.

Der Bund, die Kulturministerien der Länder, aber auch kommunale Verwaltungen hätten mit unterschiedlichen unterstützungsmaßnahmen reagiert, die zum Teil mit Veränderungen in der Förderstruktur verbunden waren. Als ein positives Ergebnis seiner Studie nannte er einen feststellbar verbesserten Austausch zwischen Kulturverwaltungen/Kulturpolitik und den Akteurinnen/Akteuren.

Kulturpolitik und -finanzierung neu formieren

Aus dem europäischen Vergleich heraus – sie berichtete speziell über die Situation in Schweden, Ungarn, Tschechien und Österreich – schlussfolgerte Ulrike Kuner von der European Association of Independent Performing Arts, dass Corona auch international etwas bewirkt habe, indem Künstlerinnen und Künstler mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt seien. Die Fragilität ihrer Arbeits- und Lebenssituation sei auch durch die Medien deutlicher bewusst gemacht worden. Es gelte: »Wir müssen die Künstlerinnen und Künstler schützen! Die Risiken einer Pandemie dürfen nicht auf sie abgewälzt werden.«

Aus der Schweiz berichtete Philippe Bischof, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, dass auch im Nachbarland in kürzester Zeit ein spezielles Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Kunstszene entwickelt und mehrfach angepasst worden sei. Seit Mai 2020 seien alle Förderinstrumente im gesetzlichen Rahmen weitestgehend flexibilisiert worden. Innerhalb kürzester Zeit hätten 4.000 Nothilfegesuche vorgelegen. Die Situation habe sich noch nicht entspannt, der aktuelle Bedarf werde auf ca. elf Millionen Franken geschätzt. Etwa zwei Drittel der Künstlerinnen und Künstler, so habe eine aktuelle Studie ergeben, lägen mit ihren Einkommen beträchtlich unter dem Schweizer Durchschnitt. Die Stiftung habe mit Sondermaßnahmen in allen Sparten geantwortet, die auch Recherche-, Vernetzungs- und Re-Start-Projekte in den Fokus nahmen. Bischofs Fazit: Die bisherige überwiegend neoliberale Förderlogik funktioniere nicht mehr. »Wir müssen über Werte und Wirkungsideen eine Dreiecksdebatte zwischen Kulturschaffenden, Institutionen und Gesellschaft führen.« Transversale und spartenübergreifende Aspekte müssten in die Förderung Eingang finden.

Von positiven Beispielen aus Wien berichtete Veronica Kaup-Hasler, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft in der österreichischen Hauptstadt. Vor allem mit der Vergabe von Ganzjahresstipendien habe man hier die soziale Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern vorangetrieben und trotz Corona kurzfristig einen Kultursommer als Riesenfestival auf die Beine gestellt. So wurden auf 40 Freiluftbühnen bei freiem Publikumseintritt für Künstlerinnen oder Künstler honorierte Auftrittsmöglichkeiten geschaffen. Ihr Credo: »Wir müssen die Kulturpolitik neu formieren. Wir brauchen mehr Geld für die Kultur!«

Beachtliche Lernkurven nicht wieder verflachen

Bei der offiziellen Eröffnung des Bundesforums gab Holger Bergmann, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, einen schlaglichtartigen Rückblick auf bisherige Förderaktivitäten – im Programm #TakeThat standen für 7.500 Antragsteller 60 Millionen Euro zur Verfügung, die zu 90 Prozent bereits abgeflossen seien. Mit dem aktuellen Förderprogramm #TakeHeart sollten neue Formen und Handlungsräume eröffnet und so gestaltet werden, dass möglichst viele Akteure mitgenommen werden.

Auf eine erwartbare »Krise in den Haushalten« nach Corona verwies Helge-Björn Meyer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste. Doch habe die Pandemie »mit uns und den Strukturen etwas angestellt«, das die Hoffnung zum Überleben nähre.

Dr. Günter Winands, Amtschef bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, resümierte, dass die Lücken im Fördersystem für soloselbstständige Künstlerinnen oder Künstler anfangs sehr unterschätzt worden seien und auch die erste Überbrückungshilfe »ziemlich geruckelt« habe. Die Erkenntnis, dass Freiberufler und soloselbstständige Künstlerinnen und Künstler kaum Betriebskosten gelten machen könne, dafür aber einen Unternehmerlohn brauchen, habe sich schließlich durchgesetzt. Auch Kurzarbeiterregelungen für große Institutionen seien sehr hilfreich gewesen und wurden nochmals verlängert. Klar sei für ihn, dass im Kulturordnungsrecht für die soziale Absicherung von Künstlerinnen und Künstlern mehr getan werden müsse, auch für kurzfristig Beschäftigte im Theaterbereich, »da müssen wir ran.« Auch die laufenden 60 Programme der »Neustart II«-Hilfen seien in der Anwendung noch nachzuschärfen, wie sich am Sonderfonds für Kulturveranstaltungen erweise, da das Publikum noch nicht so ströme, wie erhofft.

An Beispielen aus den Bundesländern Nordrhein-Westfalen – hier war Kultusministerin Isabel Pfeffer-Poensgen zugeschaltet – und aus Berlin von Kulturstaatssekretär Dr. Torsten Wöhlert wurden neue Fördermodelle vorgestellt, die in der Pandemie entwickelt wurden. Laut Wöhlert gab es dabei »beachtliche Lernkurven, die wir jetzt nicht wieder verflüchtigen lassen dürfen«. Er forderte zugleich eine »deutlich bessere Abstimmung zwischen Bundes- und Landesförderung«. Die zusätzliche Einbeziehung der Kommunen verlangte Prof. Julia Lehner, Bürgermeisterin der Stadt Nürnberg, zugleich als Vertreterin des Deutschen Städtetages. Sie regte auch einen Trialog Kunstschaffende – Kulturverwaltung – Publika an.

Förderarchitektur und -Instrumente modernisieren

In einem Vortrag betonte Prof. Dr. Thomas Schmidt von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, dass die Pandemie die »neuralgischen Stellen in der konzeptionellen Verknüpfung zwischen Kulturpolitik, Künstlerinnen/Künstler und Organisationen in den Darstellenden Künsten offengelegt« habe. Corona-Sofortprogramme besäßen »eher punktuellen Charakter«, vielmehr fehle eine »nachhaltige Perspektive für ein geschlossenes und abgestimmtes Förderkonzept in postpandemischer Zeit«. Ein neues Förderinstrumentarium müsse auf die »lebenslange Unterstützung« von Künstlerinnen oder Künstlern ausgerichtet sein, eine ganzheitliche Förderarchitektur bieten und bisherige Fehlstellen abbauen. Dazu schlug Schmidt einen ganzen Kreis von aufeinander abgestimmten Förderinstrumenten vor. Mit dem Ziel eines Institution-Building sollten sie u.a. Runde Tische zur Koordination, einen Think Tank zur konzeptionellen Weiterentwicklung, Archiveinrichtungen, eine Qualitätsagentur und eine Kulturförder- und Entwicklungsbank als zentrale Vergabeinstitution einschließen.

Podiumsdiskussion
Bei einer Podiumsdiskussion mit kulturpolitischen Vertretern auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene ging es um Konzepte und Visionen einer nachhaltigen Stabilisierung der freien Darstellenden Künste und um Anforderungen an ihre künftige Förderung.

Die Wiener SPÖ-Stadträtin Veronica Kaup-Hasler setzte gleich zu Beginn ein Schlaglicht, indem sie dazu aufforderte, bisherige Finanzströme nicht als »gottgegeben« hinzunehmen, sondern am Beispiel der Kultur in der Corona-Krise »etwas Grundlegendes in der Gesellschaft« zu diskutieren, samt einer »Neubewertung dessen, was Kunst und Kultur für die Allgemeinheit schaffen«. Man werde das nötige Geld einfach bereitstellen müssen, »ich bin nicht bereit, in Rückschritten zu denken«.

Dass Steuern auch nach Corona »besser sprudeln, als wir bisher dachten«, erklärte Julia Lehner (CSU). Sie forderte, »Raum freizugeben« und Kunst und Kultur künftig nicht mehr unabhängig von Stadtentwicklung zu denken. Dass es mit einer Erhöhung des Kulturhaushaltes zumindest in Berlin nicht so weiter gehen werde wie in den letzten Jahren starker Aufwüchse, prognostizierte Torsten Wöhlert (Die Linke).

Umdenken bereits eingesetzt?

Erkenntnisgewinne für die künftige Förderpolitik sah Sabine Bangert (Abgeordnetenhaus von Berlin, Bündnis90/Grüne). »Die Förderung fertiger Produkte hat nicht mehr funktioniert.« Es gelte schnell umzudenken und die Kulturförderung umzugestalten, sonst gehe in der Praxis zu viel verloren. Dass die Kultur »genauso wichtig wie andere gesellschaftliche Bereiche« sei und entsprechend finanziert gehöre, erklärte Ministerialdirektor Winands. Es sei auf Bundesebene bereits ein Umdenken erreicht, über Parteigrenzen hinweg. Den Vorschlag eines bundesweiten »Kulturplenums« machte Matthias Speidel für die SDP-Bundestagsfraktion. Bund, Länder, Kommunen und Kulturverbände sollten sich dort gemeinsam über die Zeit nach Corona verständigen.

In verstärkter Kooperation von Stadt und Land, aber auch von Schule und Kultureinrichtungen sah Günter Winands zukunftsfähige Modelle, die Entwicklungsrichtungen vorgeben sollten. Bürgermeisterin Lehnert bekräftigte, dass sich bisherige Förderung zu sehr auf ein Produkt, eine Aufführung, ja das Sichtbarmachen von Kunst und Kultur gerichtet habe. Das müsse sich ändern. Gleichzeitig forderte sie die Bereitstellung von »Neustart«-Mitteln des Bundes auch über das Jahr 2023 hinaus – schließlich habe man bis dahin ja Strukturen und Ergebnisse geschaffen, die nicht wieder in Frage gestellt werden dürften.

Niemand auf dem Podium wollte sich dagegen mit einer Super-Förderinstitution anfreunden, wie sie Thomas Schmidt in seinem Vortrag vorgeschlagen hatte. Derartige Zentralisierung widerspräche der Subsidiarität, wurde argumentiert. Allenfalls bei der sozialen Absicherung von Künstlerinnen, Künstlern und Kulturschaffenden könne er sich verstärkt zentrale Regelungen vorstellen, sagte Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert.

Ein Artikel aus:

Fachbereich Medien, Kunst und Industrie der ver.di
© k+k

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Die zum Auftakt geäußerten Vorstellungen aus Wissenschaft, Praxis und Politik werden an den zwei folgenden Veranstaltungstagen (15. und 16. September 2021) auch in thematischen Arbeitsgruppen detailliert diskutiert, wie es das genaue Programm ausweist.

Zu den Ergebnissen eines umfangreichen Forschungsprogramms zur Förderung der freien Darstellenden Künste, die in die Debatten einließen sollen, siehe auch hier.